Den ganzen Tag schon strömten Regengüsse herab. Durch die Rinnsteine der Subura wogte das Wasser in zwei rauschenden Bächen, rechts und links, floß rasch durch die engen, gewundenen Gassen und führte allerlei Unrat mit sich zur jubelnden Freude der Gassenbuben, die mit besonderem Wohlbehagen Knochen, Gräten und Gemüsereste herausfischten und sie sich gegenseitig um die Ohren platschten. Die Jungen hatten während dieses Regentages in der Subura geherrscht, ausgezankt von ihren Müttern, die sie von den dunklen Türen der kleinen Läden und Kneipen aus zurückriefen und über die Häupter ihrer nichtsnutzigen und ungehorsamen Sprößlinge die Strafe der Götter heraufbeschworen. Die Dirne Gymnasium - also genannt, weil sie in ihrer Jugend eine Lehrschule für junge Athleten und Gladiatoren geführt - hatte einen Blick hinausgeworfen und ihrer Sklavin ein paar Worte zugerufen. Die hatte sie wegen ihrer anerkannten Geschicklichkeit im Haarflechten in einem kleinen, gegenüberliegenden Laden als Tonstrix eingerichtet, um sie auf diese Weise besser auszunützen. Dann hatte sie sich auf ihre breite Ruhebank gelegt, um so den schwülen Apriltag und die regendurchrauschte Ruhe zu genießen. An diesem Nachmittag würde sich schwerlich ein Fremder in der Subura herumführen lassen. Der Abend brach herein, vorzeitig schon und düster. Der undurchdringliche, graue, schmale Himmelsstreifen über den niedrigen und höheren Häusern verblaßte. Es regnete immer weiter. Die Gassenbuben waren verschwunden, und vor dem langen, niedrigen Hause des Leno Taurus mit dem Stiernacken hielten die frisierten Dirnen des Kupplers Ausschau, ohne sich indes auf ihre gewohnten Plätze längs der Hauswand hinzusetzen - Name und Preis als Inschrift über ihren Köpfen - zur Ansicht und zur Miete für eine Nacht. Es wäre zu toll gewesen, sich in diesem Regen dahin zu setzen. Zwar drängten sie sich, wie es ihnen von dem brutalen Leno eingedrillt war, an der Tür, aber draußen fand sich niemand, dem sie hätten zublinzeln können.
2020/10/19 22:02:07




